Lorient
4. September 2014

Gibt´s denn sowas?

Gibt´s denn sowas?
na hör mal, gell da gukste, da kann ja schon wieder einer ausgesprochen gut deutsch und studiert angeblich sogar auf der Universität unsere Sprache, na denkste, ha, jaja, der Verkäufer da in der Gerberei, ha sowas, jaja, studiert auf der Universität………aber dem glaub ich es ja fast?

gerberei

Es braucht schon so seine 30 Minuten gepflegtes Deutsch bis ein Germanistikstudent, der nebenbei Führungen in der 800 Jahre alten Gerberei von Fes macht, für voll genommen wird. Aber zuerst strömt ihm mal offen zur Schau gestelltes Misstrauen entgegen.

Tatsächlich bemerke ich in Marokko immer wieder, dass die Leute sehr schnell fähig sind zu kommunizieren. In mehreren Sprachen und über unzählige Themen. Ja! Menschen sind klug, lernfreudig und studieren auch, auch in Marokko und auch oder gerade dann wenn sie dir was verkaufen möchten ….ganz nebenbei.

So groß der Zweifel am Studium des Guide ist, so groß ist auch der Zweifel daran, dass das Leder in der Gerberei tatsächlich von Hand (oder sollte ich besser sagen von Fuß) gegerbt wird. Davon überzeuge ich mich aber selbst, denn ich befinde mich ja mitten im Gerbergeschehen. Ich beobachte wie Touristen sofort die Arbeitsbedingungen und die Gesundheit des Berufes hinterfragen…schmunzel. Ausführlich (und wiegesagt auf hochdeutsch) wird das Handwerk erklärt um Zweifel aus dem Weg zu räumen. Ja – die Arbeit ist anstrengend, übelriechend, wir wissen Taubenkot der zum Gerben verwendet wird ist ätzend aber irgendwie finde ich zu diesem Zeitpunkt die überhebliche Fragerei mindestens genau so ätzend. Allmählich merke ich, dass das Zweifeln bestimmten Menschen in die Wiege gelegt ist.
Sie führen wohl ein verzweifeltes Leben.

babbujeloudDas Bab Boujeloud ist das Tor das zu den Gerbereien führt, ein gewaltiges Tor, hinterdessen Mauern sich noch ungewöhnlicheres verbirgt als es erahnen lässt. Nach etwa 15 Minuten gelange ich (und ich bin natürlich nicht allein, dazu fehlt mir der Orientierungssinn) zu einem Lederwarengeschäft mit ausgesprochen großer Auswahl an feinsten Lederjacken, Gürteln, Taschen und Hockern.
Auf der Dachterasse des Geschäftes kann ich genau die Gerberei betrachten, die je nach Jahreszeit mehr oder weniger stinkt, die Minzblätter am Stiegenaufgang hüten empfindliche Nasen vor unschönen Geruchserlebnissen. Und jetzt ganz ehrlich: auch der überzeugteste Veganer wird angesichts dieser Kulisse völlig fasziniert sein. Der Blick gleitet in einer Art Zeitlupentempo über die Tröge, Felle, Farben und Dächer. Nur das Läuten meines Smartphones bringt mich dazu zu realisieren, dass ich im Hier und Jetzt bin. 15 Minuten ein- und ausatmen folgen, der Atem ist hörbar, das Weiten der Lungen spürbar, ich fühle mich absolut einzigartig in diesem Moment, denn mein Körper und Geist verfließt mit dem Geschehen rund um mich herum.

Gut zu wissen, dass alle Lederwaren die ich im L´Orient anbiete auf diese Weise nach jahrhundertealtem Verfahren hergestellt werden. Der Gerber ist ein stolzer Mann, der in mühseliger Arbeit sein rohes Fell zu einem hochwertigen Produkt verarbeitet. Ehrlichgesagt die Lust zum Handeln vergeht mir. Soll er haben was seine Arbeit wert ist. Ich hoffe auch unsere Kunden wissen diese Handarbeit zu schätzen und freuen sich über ein Stück gelebter Tradition


Marokko für Zuhause...

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